Notizen

von Patrick Bucher


David Graebers Definition von Bullshit Jobs

Wo der Marktmechanismus erklärend wirkt

13.09.2026

In seinem Werk Bullshit Jobs untersucht David Graeber die These, dass ein bedeutender Teil der Angestellten heutzutage grösstenteils unnötige Arbeit verrichtet. Deren längeres Fernbleiben von der Arbeitsstelle hätte wohl kaum einen Effekt auf die Wertschöpfung. Er untermauert seine These mit zahlreichen Beispielen, deren schiere Menge den Vorwurf der anekdotischen Evidenz gerade zu lächerlich erscheinen lassen. Da liest einer jahrelang zu Hause Spinoza statt auf die Arbeit zu gehen – bemerkt hat es niemand. Ein Sachbearbeiter soll gar zwei Tage lang tot an seinem Schreibtisch gelegen sein, ohne dass dies bemerkt worden sei.

Dass es Bullshit Jobs gibt, bestreiten die wenigsten Leute. Auch sinnvolle Tätigkeiten haben einen Bullshit-Anteil, gerade bei Büroangestellten. Das vordergründig einleuchtende Gegenargument, dass eine Marktwirtschaft solche sinnlosen Tätigkeiten aus wirtschaftlichen Gründen wegrationalisieren müsse, ist schnell als ideologisch entlarvt, denn gerade in der Finanzbranche – dem Herz des Kapitalismus – ist der Bullshit-Anteil wohl der grösste.

Dennoch lässt Graebers Definition des Begriffs Bullshit Job zu wünschen übrig. Zwar gelingt ihm der Entwurf einer anschaulichen Taxonomie zur Einteilung verschiedenartiger Bullshit Jobs in Flunkies, Goons, Duct Tapers, Box Tickers und Taskmasters, in welche sich des Bullshits verdächtige Tätigkeiten recht zuverlässig einordnen lassen. Ein objektives Kriterium, ob es sich bei einer bestimmten Tätigkeit um einen Bullshit Job handelt oder nicht, lässt sich jedoch nicht finden. So lässt es Graeber bewusst bei der subjektiven Definition bleiben, dass sich ein Bullshit Job eben dadurch auszeichne, dass der jeweilige Angestellte ihn für einen Bullshit Job halte. Gleichzeitig relativiert Graeber seine Definition weiter, indem er Berichte von selbstidentifizierten Bullshit Jobbers relativiert: trotz der subjektiv gefühlten Sinnlosigkeit kann er so mancher Tätigkeit einen gewissen Restnutzen attestieren.

Dass der Marktmechanismus offenbar beim Wegrationalisieren sinnloser Tätigkeiten kaum greift, belegt Graeber mit verschiedensten Beispielen. So werden in Produktionsfirmen Verwaltungstätigkeiten ausgebaut, während die Produktion ausgelagert und abgebaut wird, was oftmals ökonomisch schädliche Folgen zeitigt. Effizientes Wirtschaften sieht anders aus. So bezeichnet Graeber das gegenwärtige Wirtschaftssystem im Westen als eine Mischung von Kapitalismus und Feudalismus, wo der White Collar Worker eher einem Höfling gleicht als etwas zur Wertschöpfung beiträgt.

Der Marktmechanismus könnte aber dennoch hilfreich sein, und zwar bei der Definition, was denn ein Bullshit Job sei. Graeber argumentiert nachvollziehbar, dass es sich bei Frisören nicht um einen Bullshit Job handelt. Auf ein naheliegendes Kriterium geht er aber nicht ein: Die Arbeit von Frisören wird von den meisten Leuten direkt nachgefragt; es besteht ein sehr grosser Markt für Haareschneiden, Haarefärben und was beim Frisör sonst noch alles gemacht wird.

Nun ist das Vorhandensein eines Marktes für eine Dienstleistung noch kein ausschlaggebendes Kriterium, denn es existiert schliesslich auch ein Markt für Motivationsseminare und Corporate Learning. Entscheidend ist hingegen, wer entsprechende Dienstleistungen nachfragt. Haarschnitte werden von Einzelpersonen nachgefragt, während Motivationsseminare für Manager nur von grösseren Firmen nachgefragt werden. Je grösser die nachfragende Entität einer Dienstleistung ist, desto wahrscheinlicher dürfte diese Bullshit-Tätigkeiten nach sich ziehen.

Doch auch dieses Kriterium ist unbefriedigend, denn es gibt nur sehr wenige Einzelpersonen, die Kernreaktoren und Düsentriebwerke nachfragen. Nun geht es hier um physische Artefakte statt um Dienstleistungen. Aber auch die Tätigkeit eines Ingenieurs für Kernreaktoren und Düsentriebwerke, der bei den entsprechenden Produktionsprozessen beratend mitwirkt, ist alles andere als ein Bullshit Job. Es gibt eben Tätigkeiten, die so spezialisiert sind, dass sie nur sehr grosse Organisationen überhaupt in Anspruch nehmen können. Fliesst die Tätigkeit weiter entscheidend in die Ausgestaltung eines physischen Artefakts ein, dürfte ihr Bullshit-Anteil eher tief sein.

So lässt sich die Definition für einen Bullshit Job weiter präzisieren: Ein Bullshit Job ist eine Tätigkeit, die …

  1. von der ausübenden Person als sinnlos empfunden wird,
  2. von grossen, bürokratischen Firmen und nicht von Einzelpersonen nachgefragt wird und
  3. keinen prägenden Einfluss auf physische Artefakte hat.

Wer einen Bullshit Job ausübt, hat es nicht nur schwer, die Tätigkeit zu beschreiben, sondern kann auch das Arbeitsergebnis schwer bezeichnen, da ein solches kaum greifbar ist.

Diese Definition ist zwar noch immer nicht befriedigend, dürfte aber bei der Abgrenzung zwischen sinnlosen und sinnvollen beruflichen Tätigkeiten doch hilfreich sein.